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Haus für Journalismus und Öffentlichkeit

Die größten Fehler des Qualitätsjournalismus

… und wie er seinen Untergang abwenden kann. Eine Aufgabe, die keinen weiteren Aufschub duldet und nur zusammen mit Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zu bewältigen ist.

Von Nadia Zaboura

Selten wirkte das Weltgeschehen so turbulent, die Zukunft so ungewiss wie heute. Demokratien weichen weltweit zurück, Autoritarismus und Faschismus weiten sich aus. Inmitten dieser Unwucht – mit weitreichenden Folgen auch für die deutsche Gesellschaft – sieht sich der deutsche Journalismus mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert: Desinformation und Propaganda fluten die Informationssphäre, Gewalt gegen Medienschaffende nimmt zu. Und immer mehr Menschen wenden sich ab, klinken sich medial aus. Die größte Gefahr droht genau dann, wenn wohlwollende, demokratiefeste Menschen sich nicht mehr von Qualitätsmedien gewinnen lassen. Um diese sich in Teilen bereits vollziehende Entwicklung zu stoppen und sie umzukehren, bedarf es einer kritischen, aufrichtigen Bestandsaufnahme des deutschen Journalismus. Was sind die wiederkehrenden Muster journalistischen Fehlverhaltens, die Vertrauen und gesichertes Faktenwissen unterminieren, in privatwirtschaftlichen wie öffentlich-rechtlichen Medien, vom Boulevard bis ins Feuilleton?

Da wäre der Verlautbarungs-„Journalismus“. Er gibt Inhalte von Regierungen und Akteuren im In- und Ausland kritiklos wieder, teils 1:1 bis in die Titelzeilen. Dabei genügt er sich in seiner Rolle als unkritischer Lautsprecher von Machtpositionen. Zum Nachrichtenwert werden Polit-Slogans, wird die reine Abbildung politischer Kommunikation erhoben, anstatt die gebotene journalistische Einordnung von Inhalt, Absender und Auswirkungen bereitzustellen.

Da wäre die in deutschen Medien grassierende Verwendung des „He said, she said“-Skriptes. Mit diesem Skript verformen Redaktionen immer wieder auch gesichertes Faktenwissen zur reinen Meinungssache, u. a. in so genannten „Streit“-Formaten – ein bequemer Weg, sich auf einen Schlag der journalistischen Arbeit des basalen Fact-Checkings zu entledigen. Redaktionen bedienen dabei oft das Motiv der notwendigen Abbildung aller Meinungen einer Gesellschaft. Durch das Gegenüberstellen von faktisch ungleichen Positionen machen sie sich allerdings mitverantwortlich am Verschieben des Overton-Fensters, also der Grenzen des Sagbaren. 

Da wäre die fragwürdige Auswahl vermeintlicher Expert:innen, die trotz fehlender Sachkenntnis und wiederholter Irreführung immer wieder mediale Plattformen erhalten. Durch das Zurschaustellen dieser Akteure wollen Redaktionen anhaltlose Vorwürfe einer vermeintlichen Voreingenommenheit präventiv entkräften, während sie damit tatsächlich dem Ziel eines faktenbasierten, aufklärerischen Journalismus diametral entgegenarbeiten. 

Da wäre der verengte Blick auf Quellen und Perspektiven im In- und Ausland, der ein Sprechen über Menschen dem Sprechen mit Menschen vorzieht. Der Journalist:innen vor Ort geringer schätzt, ihnen weniger Authentizität und Autorität beimisst als den eigens Entsandten.

Da wäre das Beschneiden von digitalen Kommunikations- und Diskussionsräumen, in denen gesellschaftliche Verwerfungslinien zuerst medial sichtbar werden. So bleiben Kommentarspalten oftmals redaktionell unbetreut, auch wenn sich darin weiterhin großes Interesse an Austausch und Diskurs zeigen. Dieses Interesse könnte stattdessen zur Sprache kommen, journalistisch angeleitet und abgesichert durch Prinzipien der Menschenwürde.

Und da wäre der anhaltende Kahlschlag des Medienjournalismus. Dabei ist dieser Fachjournalismus, dieses Ressort heute wichtiger denn je: als interne und externe Kontrollinstanz mit dem Auftrag, seriös und strukturiert den Journalismus zu prüfen, zu hinterfragen und Missstände aufzuzeigen. Um also Macht auch in Medienhäusern zu kontrollieren.

Wenn sie nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden oder abgeschafft werden wollen, müssen sich Qualitätsmedien jetzt und in den kommenden Jahren großen Aufgaben stellen. Besonderes Augenmerk gilt dem Bereich der Diversität und Perspektivenvielfalt sowie problematischen Konzepten wie dem Polit-Talk in seiner jetzigen Form. 

Die oben genannten journalistischen Verfehlungen stehen programmatisch für viele weitere mediale Herausforderungen – von Künstlicher Intelligenz über Informationswüsten und Friedensjournalismus bis hin zur Regulierung von Hassrede und der Jahrhundertaufgabe, die schwindenden Lebensgrundlagen der Menschheit in den Fokus zu heben.

Neu ins Zentrum rücken derzeit destruktive Kommunikationsstrategien aus der zweiten Amtszeit von Donald Trump. Wie können auch deutsche Medien journalistisch angemessen über dessen spaltende, sinnzersetzende und zerstörerische Politik berichten, ohne dabei seine Aussagen zu reproduzieren? Welchen umfassenden Herausforderungen muss sich der hiesige Journalismus stellen, um sich nicht im Stile des „He said, she said“-Skriptes selbst zum Lautsprecher oder Stenograph für antizivilisatorische Vorhaben zu machen, geadelt durch die Marke des eigenen Mediums? Und wie kann Redaktionen eine Verankerung ihrer Arbeit nicht in Macht- und Kriegslogik gelingen, sondern in zivilisatorischen Errungenschaften des internationalen Völkerrechts und des Grundgesetzes, das auch die freie Presse selbst schützt und erst ermöglicht?

So unterschiedlich die Schauplätze und Themenfelder auch erscheinen mögen: Sie alle tragen im Kern eine Diskussion über den Journalismus als solchem. Was ist Journalismus, für wen, wofür und wo steht er, wohin führt er? Für solch tiefgreifende, grundlegende Diskussionen werden neben dem notwendigen Wissen aus Medientheorie und -praxis auch Ressourcen in Form von Zeit und Finanzen benötigt. Der dringende Diskurs über die Zukunft des Journalismus lässt sich eben nicht im Vorbeigehen führen.

Trotz aller Grundsätzlichkeit: Es bedarf keiner Neuerfindung des Journalismus. Es braucht vielmehr seine Neuverortung in einer sich stetig verändernden Kommunikationsmatrix. Und es braucht neben den etablierten, verlässlichen Prozessen auch neu geschaffene. Damit Medien sich selbst und andere auf ihre Demokratiefestigkeit abklopfen können, unter zentralen Fragestellungen wie: Welchen geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen folgen Medienmacher:innen? Welche Werte, Kodizes und Tabus kommen bewusst und unbewusst zur Anwendung? Welche Ideologien wollen sich selbst als unideologisch verschleiern, um Gewinn aus ihrer vermeintlichen Objektivität zu schlagen? Was hat all dies mit der Verteilung von Macht zu tun, insbesondere diskursiver, medialer Macht? Und was sagen die gesammelten Antworten auf diese Fragen eigentlich über den Stand der Debatte, der Gesellschaft, des Fortschritts, wenn Redaktionen eben auch nur ein Spiegel der Gesamtgesellschaft sind?

Eine Herkulesausgabe, groß, aber machbar. Diese Neuverortung des Journalismus sollte deshalb nicht allein durch das System Journalismus gestemmt werden. Sie muss von allen im Verfassungsbogen befindlichen Medienbeteiligten angepackt werden, Seite an Seite mit der Zivilgesellschaft und Wissenschaft, im Austausch mit Wirtschaft, Politik und Institutionen. Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Anstrengungen ist dabei so undiskutierbar wie unverrückbar: das standfeste Bekenntnis zu unverbrüchlichen, universalen Menschenrechten, zu demokratischen Werten, zur unkorrumpierbaren Anwendung gleicher Maßstäbe auf alle und alles, zu Gleichheit, ausnahmslos.

Zum Schluss sei auf eine sichernde, stabilisierende Konstante verwiesen. Bei aller Fragilität und Volatilität der Postmoderne können sich Medienmacher:innen wie Medienkonsument:innen auf eines fest verlassen: Wo Menschen sind, wird es immer Geschichten geben. Wird es einen biologisch und sozial in die Menschheit eingeschriebenen Bedarf an verlässlichen Informationen geben. Selten waren Chance und Gebot größer, jetzt ein realistisch-optimistisches Bild einer Zukunft zu entwickeln, in der Medien in einem volatilen Kommunikationsökosystem das tun, was sie am besten können, nämlich: die freie Meinungsbildung und das gesellschaftliche Gespräch mit gesicherten Informationen zu ermöglichen und von Desinformationen zu befreien – um es dann mit professioneller Moderation und Analyse zu begleiten. Um auch sich selbst wieder einen festen Orientierungspunkt zu erarbeiten, auf dem Boden der Demokratie und der Menschenrechte. So ist der Journalismus der Zukunft ein Journalismus des Vertrauens und des Lernens. Ein Journalismus der Werte und der Würde.

Dieser Text ist ein redaktionell bearbeiteter Auszug aus dem Buch „Medien zwischen Macht und Ohnmacht. Wie Journalismus Vertrauen zurückgewinnen kann“ von Rainer Nübel, Daniel Rölle und Nadia Zaboura, erschienen 2025 im Hirzel Verlag, 254 Seiten, 28 Euro. 

Fotocredit: Shirin Abedi

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