Was ist denn eigentlich kaputt?
Der Mediensektor als Pfeiler der Demokratie ist brüchig geworden. Um ihn reparieren zu können, braucht es eine klare Definition seiner Aufgaben. Das erste Publix-Whitepaper legt sie vor.
Von Maria Exner, Publix-Intendantin
Hier zum Download >> Publix-Whitepaper: Neue Wege aus der Medienkrise: Gemeinwohlorientierter Journalismus als Zukunftsmodell (PDF)
Wenn eine Ärztin einem Patienten helfen möchte, muss sie drei Dinge wissen. Zwei davon sind naheliegend: Sie muss eine Diagnose stellen können und aussichtsreiche Behandlungsmethoden kennen. Der dritte Punkt wird leicht übersehen: Sie muss auch wissen, wann ein Mensch eigentlich gesund ist. Welche Werte sind normal, wie bewegt sich ein gesunder Mensch, wie sieht er aus? Wenn die Definition von „gesund“ fehlt oder falsch formuliert ist, sind weder richtige Befunde noch eine wirksame Therapie möglich.
Nun ist im Zusammenhang mit der Entwicklung des Informations- und Mediensektors richtigerweise nicht von Krankheit die Rede (außer wenn Populisten versuchen, der Gesellschaft irgendeinen „Krebs“ zu diagnostizieren), sondern von Krise. Das vereinfachende Bild kann trotzdem helfen zu erklären, warum ich in den vergangenen Monaten gemeinsam mit dem Wiener Politikwissenschaftler und Medienforscher Andy Kaltenbrunner das Whitepaper „Wege aus der Medienkrise – Gemeinwohlorientierter Journalismus als Zukunftsmodell“ erarbeitet habe, in dem wir einen kompakten Vorschlag zur Definition des Begriffs machen.
Denn auf welches Ziel arbeitet Publix als neues Haus für Journalismus und Öffentlichkeit eigentlich genau hin? Welche Verbesserungen wollen wir gemeinsam erreichen, mit all den Akteur:innen in Universitäten, Stiftungen, Think Tanks und NGOs, in der Politik, der Medienbranche selbst und mit Privatpersonen? Mit allen, die sich sorgen wegen gezielter Manipulation der öffentlichen Meinung, wegen des Verlusts gesellschaftlicher Teilhabe, weil die Lokalzeitung oder zumindest lokale Inhalte fehlen, wegen des Rechtsrucks, weil Probleme medial nicht mehr abgebildet werden, um sie zu lösen, sondern um Demokratie zu diskreditieren?
Das Ziel war nicht nur mir als Intendantin zu unscharf. So entstand das Whitepaper „Wege aus der Medienkrise“ im engen Austausch mit acht Stiftungen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland, die mit eigenen Förderungen und als Partnerinnen des Media Forward Funds bereits einen wirksamen Beitrag zum Erhalt von Medienvielfalt und der wichtigen Vermittlungs- und Aufklärungsarbeit von Journalismus leisten.
In Expert:innen-Interviews und vor dem Hintergrund des aktuellen Stands der Medienforschung wurde deutlich: Journalismus als demokratische Kraft muss als vielstimmiger Chor verstanden werden. Jedes Mitglied darin agiert unabhängig und aus eigenem Antrieb und hält sich zugleich an einen gemeinsamen verbindlichen Verhaltenskodex. (Wiederum gar nicht so unähnlich den Ärzten, denen der Hippokratische Eid als Leitlinie dient.)
Das Whitepaper argumentiert: Wenn eine Vielzahl gemeinwohlorientierter Medienhäuser den Informationsraum und die Debatten einer Gesellschaft prägt, ist die aktuelle Krise überwunden. Den Weg dahin können wir von hier an gemeinsam gehen. Das Whitepaper ist eine Einladung an alle, damit im eigenen Kontext weiterzuarbeiten. Das Ziel ist jetzt klar umrissen.
Das Whitepaper „Wege aus der Medienkrise“ entstand zusammen mit ERSTE Stiftung, Stiftung Mercator Schweiz, Volkart Stiftung, ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, Rudolf Augstein Stiftung, Allianz Foundation, Schöpflin Stiftung, Stiftung Medienvielfalt Basel.