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Haus für Journalismus und Öffentlichkeit

KI ist nie nur Technik

Was die Fellows des Publix Tech-Journalismus-Fellowships über Ethical AI und über guten Tech-Journalismus gelernt haben.  

Nach welchen Maßstäben sollte Künstliche Intelligenz entwickelt und eingesetzt werden? Mit dieser Frage starteten fünf Fellows im April in die erste Runde des Publix Tech-Journalismus-Fellowships. Zwei Wochen lang reisten sie durch Berlin, Köln, Brüssel und Paris und sprachen mit Wissenschaftler:innen, Journalist:innen, Lobbyexpert:innen, Unternehmensvertreter:innen, Verwaltungsmitarbeitenden und Vertretern der Zivilgesellschaft. 

Eine einfache Antwort fanden sie nicht: Während Wissenschaftler:innen, NGOs und investigative Journalist:innen häufig mehr Berichterstattung über Machtstrukturen, Regulierung und gesellschaftliche Folgen forderten, wünschten sich Unternehmensvertreter:innen mehr Aufmerksamkeit für erfolgreiche Anwendungen und Innovationspotenziale. 

Die Ethik von KI ist ebenso eine Frage von Macht, Infrastruktur, Regulierung und gesellschaftlicher Verantwortung. Aus den ersten beiden Fellowship-Wochen haben sich vier Beobachtungen ergeben:  

Macht sichtbar machen  

Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Die Debatte über KI ist immer auch eine Debatte über Macht.  

Theresa Züger vom Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft stellte in ihrem Gespräch mit den Fellows die Frage nach dem Gemeinwohl in den Mittelpunkt. KI könne nur dann gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, wenn Betroffene an ihrer Gestaltung beteiligt werden und transparent gemacht wird, warum sie überhaupt eingesetzt wird. Rainer Mühlhoff, Professor für Ethik und kritische Theorie der KI, warnte zugleich vor Narrativen, die die Technologie als neutral oder alternativlos darstellen. Solche Narrative verdecken, dass technische Systeme in politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen entstehen. Sie verschleiern, wer profitiert und wer welche Risiken trägt. 

Gespräche mit Rebekka Weiß von Microsoft über Unternehmensverantwortung und mit Thorsten Wetzling und Corbinian Ruckerbauer von Interface über den Einsatz von KI bei Nachrichtendiensten machten deutlich, wie umkämpft Fragen von Kontrolle, Verantwortung und demokratischer Aufsicht sind. 

Für den Journalismus liegt hier eine zentrale Aufgabe: Er sollte nicht nur erklären, was neue Technologien können. Er muss fragen, wer über sie verfügt, welche Interessen dahinterstehen und wer die Folgen ihrer Nutzung trägt. 

Die unsichtbaren Infrastrukturen erklären  

KI erscheint im Alltag oft als Oberfläche: als Chatbot, Suchfunktion oder Empfehlungssystem. Dahinter aber liegt eine materielle Infrastruktur, von Datenarbeit über Rechenzentren bis hin zu Energie- und Ressourcenverbrauch, die selten sichtbar wird. 

Der Journalist Ingo Dachwitz zeigte anhand seiner Recherchen zu Databrokern und Datenarbeit, welche oftmals verborgenen Strukturen hinter digitalen Technologien stehen. Standortdaten, Werbeprofile, Datenhandel und Content-Moderation sind Bestandteile eines Systems, das für die meisten Nutzer:innen weitgehend unsichtbar bleibt. 

Besonders eindrücklich wurde diese Perspektive beim Besuch des Berlin 2 Data Centers von NTT Global Data Centers. Nach mehreren Sicherheitsschleusen standen die Fellows in einer Halle aus Metall, Serverreihen und Kühlsystemen. Der Lärm, die Kälte und die fast menschenleere Umgebung machten sichtbar, was in der öffentlichen Debatte abstrakt bleibt. KI braucht Energie, Fläche, Kühlung, Rohstoffe und Rechenleistung. 

Mehrere Referent:innen kritisierten, dass diese Aspekte in der Berichterstattung häufig unterrepräsentiert seien. Tech-Journalismus, der KI ernst nimmt, muss weiter schauen als auf Produkte und Anwendungen. Er muss auch Lieferketten, Arbeitsbedingungen und ökologische Folgen digitaler Technologien in den Blick nehmen. 

Über konkrete Prozesse berichten 

Ob KI verantwortungsvoll eingesetzt wird, entscheidet sich nicht allein an abstrakten ethischen Prinzipien, sondern auch daran, welche gesetzlichen Regeln gelten und wie sie durchgesetzt werden. 

Der Rechtswissenschaftler Matthias Kettemann machte deutlich, dass ethische Leitlinien Orientierung bieten, ihre praktische Wirkung jedoch begrenzt bleibt. Verbindliche rechtliche Regelungen wie der AI Act seien notwendig, um Risiken von KI-Systemen wirksam zu adressieren. 

Doch wie solche Regeln entstehen, ist selbst politisch umkämpft. In Brüssel wurde sichtbar, wie intensiv um Regulierung gerungen wird. Felix Duffy von LobbyControl erläuterte, wie große Technologieunternehmen versuchen, politische Entscheidungen durch Lobbyarbeit, Think Tanks und politische Narrative zu beeinflussen. 

Bei einer Lobby-Tour durch das EU-Viertel zeigte Bram Vranken von Corporate Europe Observatory den Fellows, wie dicht die Büros großer Technologieunternehmen rund um Parlament und Kommission liegen. Die räumliche Nähe zu den politischen Institutionen machte sichtbar, welchen Stellenwert politische Einflussnahme für die Tech-Konzerne hat. 

Auch die Gespräche mit der EU-Kommission und der NGO European Digital Rights zeigten, dass die Regulierung von KI ein permanenter Aushandlungsprozess zwischen wirtschaftlichen Interessen, Innovationsförderung und Grundrechtsschutz ist. Dabei hörten die Fellows immer wieder, wie stark der Einfluss großer, wirtschaftsstarker Unternehmen sei, während NGOs häufig um Gehör kämpfen müssten. 

Für den Journalismus folgt daraus ein konkreter Auftrag. Er sollte nicht nur die großen Grundsatzdebatten über Chancen und Risiken von KI begleiten. Er sollte genauer auf die scheinbar kleineren Prozesse schauen, wie Gesetzgebungsverfahren, Anhörungen und Lobbystrategien. Oft werden genau dort die Weichen gestellt. 

Expertise zusammenbringen  

Die Debatte über KI ist zu komplex, um sie aus einer einzigen Perspektive zu erklären. Die technischen Grundlagen, die gesellschaftlichen Auswirkungen, rechtlichen Rahmenbedingungen und die politischen Konflikte rund um KI greifen ineinander. Deswegen ist guter Tech-Journalismus auf den Austausch mit Wissenschaft und Zivilgesellschaft angewiesen. 

Der Vortrag von Thorsten Wetzling und Corbinian Ruckerbauer von Interface über den Einsatz von KI bei Nachrichtendiensten machte deutlich, dass viele relevante Informationen erst durch investigative Recherchen öffentlich werden. Wissenschaftliche Analysen bauen häufig auf journalistischen Enthüllungen auf. Umgekehrt sind Journalist:innen oft auf die Expertise von Forschenden und NGOs angewiesen, um komplexe technische und regulatorische Zusammenhänge einordnen zu können. 

Guter Tech-Journalismus entsteht nicht im Alleingang. Er braucht Netzwerke, kritische Distanz und die Bereitschaft, verschiedene Formen von Expertise miteinander ins Gespräch zu bringen. 

Das Fellowship geht weiter 

Am Ende der ersten beiden Fellowship-Wochen hatten die Fellows keine eindeutige Antwort auf die Frage gefunden, was „Ethical AI“ ausmacht. Aber sie hatten einen klareren Eindruck davon, warum diese Frage so schwer zu beantworten ist. Im September wird das Fellowship fortgesetzt. Dann stehen sensible Einsatzfelder für KI wie Medizin, Polizei, Bildung und militärische Anwendungen im Mittelpunkt. Gleichzeitig wollen die Fellows gemeinsam mit Expert:innen und Vertreter:innen aus Redaktionen weiter darüber sprechen, wie der Tech-Journalismus selbst besser werden kann.  

Eine Beobachtung nahmen viele Fellows aus den ersten beiden Wochen mit: Je länger sie über KI sprachen, desto weniger ging es um die Technologie. Im September wollen sie deshalb dorthin zurückkehren, wo die Suche eigentlich begonnen hat: zu den Algorithmen, Modellen und Trainingsdaten. 

Eva von Grafenstein gestaltet und koordiniert das Publix Tech-Journalismus-Fellowship und begleitet die Fellows durch das Programm.

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