Der KI-Hype ist kein Nischenthema
Brauchen wir noch Bibliotheken? Künstliche Intelligenz stellt nicht nur Orte der Wissensvermittlung infrage, sondern auch die Zukunft demokratischer Teilhabe. Doch es regt sich Widerstand.
Ein Gastbeitrag von Julia Kloiber
1,5 Millionen Bücher umgeben mich. Wissen aus allen denkbaren Disziplinen, Geschichten aus der ganzen Welt. Ich sitze in der OBA in Amsterdam, einer der größten öffentlichen Bibliotheken Europas, einem beeindruckenden Haus, das für den freien Zugang zu Wissen gebaut wurde. Braucht es solche Orte noch, wenn doch sowieso alles online verfügbar ist? Geht es nach den großen KI-Unternehmen, werden wir das Wissen der Welt schon bald nicht mehr in Bibliotheken suchen, sondern über Chat-Interfaces abrufen.
Aber man muss ja nicht alles glauben, was so erzählt wird. Um mit Gerüchten über Künstliche Intelligenz aufzuräumen, habe ich mit meiner Organisation SUPERRR im Januar eine Veranstaltungsreihe gestartet. „KI: Macht, Mythen, Missverständnisse“ hat schon mehr als 500 Menschen zum Gespräch über digitale Machtstrukturen und eine lebenswerte Zukunft zusammengeführt. Schüler und Rentnerinnen, Lehrer und Unternehmerinnen, Skeptiker und Enthusiastinnen. Wir sind in Bibliotheken gegangen, um Leute allen Alters und Vorwissens zu erreichen. Und man hatte uns gewarnt: Ein kritischer KI-Diskurs sei zu komplex für Menschen, die sich nicht ohnehin mit Tech-Policy beschäftigen. Aber das Fachpublikum, die Entscheider:innen, auf die sich unsere Beratungsprogramme bisher gerichtet hatten, wirkte längst ernüchtert. Jahrelang wird über neue europäische Regularien verhandelt, die dann abgeschwächt, verzögert und den wirtschaftspolitischen Drohungen der USA geopfert werden. Inzwischen bin ich davon überzeugt: Wenn der politische Prozess so fragil und anfällig für Lobbyismus und Machtspiele ist, muss der Wandel anderswo ausgestaltet werden. Nicht in den Sitzungsräumen in Washington, Brüssel und dem Silicon Valley, sondern in den Stadtteilen, Nachbarschaften – und Bibliotheken.
68.000 öffentliche Bibliotheken hat Europa. In zunehmend fragmentierten Gesellschaften gehören sie zu den wenigen Orten, die allen offenstehen. Hier finden Lesungen und Ausstellungen statt, Programmierkurse, Sprachworkshops, Theateraufführungen und Debatten. Menschen kommen zusammen, um zu lesen, sich auszutauschen oder einfach, um Zeit miteinander zu verbringen. Bibliotheken sind die gesellschaftliche Infrastruktur für Lernen, Begegnung und demokratische Teilhabe. Und genau diese Bereiche fordert Künstliche Intelligenz heraus.
In der OBA in Amsterdam bin ich umgeben von Hunderten Bibliothekar:innen, die zu einer Konferenz des Programms „Libraries for Europe” von der European Cultural Foundation angereist sind. Es geht um die Zukunft ihrer Institutionen. Unsere SUPERRR-Veranstaltung über KI-Mythen trifft einen Nerv, der Raum ist rappelvoll. Schließlich möchte niemand den Anschluss verlieren oder zu denen gehören, die die Zukunft verschlafen haben.
Wir hinterfragen gängige Erzählungen – „KI nimmt euch die Jobs weg“, „KI ist die Zukunft“, “KI ist unaufhaltsam” – und kommen schnell auf den ökologischen Fußabdruck großer KI-Modelle zu sprechen. Das Thema hat lokale Relevanz, denn in Amsterdam befindet sich einer der größten Internetknoten der Welt. Die Stadt ist damit ein optimaler Standort für Rechenzentren. Aber weil die Netzkapazitäten knapp sind, soll gerade keine neue Infrastruktur gebaut werden. Warum im Westen der Stadt trotzdem gerade ein privatwirtschaftliches Rechenzentrum im Großmaßstab, ein sogenannter Hyperscaler, entsteht? Fachleute verweisen auf juristische Schlupflöcher.
Im Rahmen unserer Session erklärt die niederländische Wissenschaftlerin Corinne Cath die Dimension dieses Rechenzentrums: Es könnte künftig so viel Strom verbrauchen wie ganz Amsterdam. Geht der Hyperscaler ans Netz, würden die Kapazitäten für den Bau von Zehntausenden Wohnungen und öffentlichen Gebäuden fehlen. Am Beispiel Amsterdam sieht man, was passieren kann, wenn private Infrastruktur den Vorrang vor öffentlicher erhält. Wenn das Gemeinwohl keine Priorität mehr ist, werden die Folgen des KI-Hypes alle treffen.
Ausgerechnet in den USA, dem Mutterland der großen Tech-Konzerne, regt sich Widerstand. Während Investitionen in KI ein Allzeithoch erreichen und überall im Land neue Rechenzentren entstehen, wächst der Protest. Die Menschen wehren sich gegen Wassermangel, Luftverschmutzung, steigende Bodenpreise und Stromausfälle. Mit Erfolg. Allein 2025 wurden innerhalb weniger Monate Projekte im Umfang von mehr als 60 Milliarden Dollar gestoppt oder verzögert. Nicht von Regulierungsbehörden oder Expertengremien, sondern von lokalen Initiativen. Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern schließen sich zusammen und kämpfen für eine gemeinsame Sache.
Der KI-Hype wird nicht so schnell nachlassen. Es werden weitere Milliarden investiert und große Versprechen gemacht werden. Aber solange es Orte gibt, an denen Menschen diese Entwicklungen gemeinsam verhandeln können, an denen sich Widerspruch formieren kann, solange liegt die Zukunft nicht allein in der Hand von Konzernen und Expert:innen. Die Zukunft ist kein Nischenthema. Sie ist eine demokratische Aufgabe. Die wichtigste Frage in Bezug auf Künstliche Intelligenz ist keine technische: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wenn unsere Zukunft von Wissen, Austausch und Teilhabe getragen sein soll, sind Bibliotheken als Hubs der Demokratie unverzichtbar.
Julia Kloiber ist Digitalisierungsexpertin und Gründerin des SUPERRR Lab, einer feministischen Organisation im PUBLIX in Berlin. Sie berät den öffentlichen Sektor und gemeinnützige Organisationen zu digitalen Strategien.
Fotocredit: Marlene Burz