Fragen an die Publix-Residents: Reporter ohne Grenzen

Wir stellen die Organisation vor, die bei uns im Publix-Haus ihre Büros beziehen. Diesmal: Reporter ohne Grenzen. 
Wir sprachen mit Katja Heinemann, Teamleitung Nothilfe und Stipendien bei Reporter ohne Grenzen

Reporter ohne Grenzen kümmert sich um bedrohte Medienschaffende. Was beschäftigt Euch zur Zeit am meisten?

Die Situation für Berichterstattende weltweit ist beängstigend; in Myanmar, China, Vietnam, Somalia, Eritrea, der Sahel-Zone, Ägypten, Iran, Syrien, Saudi-Arabien, Belarus, Mexiko, um nur einige zu nennen. Ganz besonders beschäftigt uns gerade die Situation afghanischer Journalist:innen nach der Machtübernahme der Taliban, die russische Invasion in die gesamte Ukraine mit den Folgen für Medienschaffende und natürlich der neu aufgeflammte Krieg zwischen Gaza und Israel, der auch Journalist:innen in den Anrainerstaaten bedroht.

Worin besteht der Kern Eurer Arbeit?

In Kriegs- und Krisengebieten kann das die Versorgung mit lebens- und arbeitsnotwendiger Ausrüstung sein: Schutzwesten, Helme, Erste-Hilfe-Kits, Solartaschenlampen. Nach Übergriffen auf Journalist:innen bezahlen wir zum Beispiel medizinische Versorgung. Wenn Ausrüstung zerstört wird, ersetzen wir sie. Bei willkürlicher Verhaftung unterstützen wir mit Anwält:innen und kommen gegebenenfalls auch für den Unterhalt der Familie auf, wenn das Haupteinkommen ausfällt. Wenn Menschen in ihrem Heimatland akut an Leib und Leben bedroht sind, sorgen wir dafür, dass sie in einem sicheren Drittland Exil finden.

Was ist das Ziel Eures Engagements?

Unser Ziel ist es, dass alle Menschen freien und ungehinderten Zugang zu Informationen haben. Unabhängiger Journalismus ist die Basis einer aufgeklärten Gesellschaft, ohne ihn können Menschen keine aufgeklärten und freien Entscheidungen treffen. Jedes Jahr veröffentlichen wir eine Rangliste der Pressefreiheit. Leider ist es nur noch in sehr wenigen Ländern und Territorien der Welt um die Pressefreiheit gut bestellt. Unser Engagement ist also mindestens so lange vonnöten, bis wir überall von einer „guten Lage“ der Pressefreiheit sprechen können.

Was bereitet Euch Kopfschmerzen?

Im Moment ist es besonders die schwierige Situation afghanischer Medienschaffender. Es gibt zwar das Bundesaufnahmeprogramm (BAP), das ursprünglich dafür sorgen sollte, dass jeden Monat 1.000 besonders gefährdete Menschen aus Afghanistan nach Deutschland kommen können. Seit die Taliban die Macht übernommen haben und das BAP eingerichtet wurde, bemühen wir uns, die Aufnahmegesuche besonders gefährdeter Medienschaffender zu verifizieren und deren Einreise nach Deutschland zu unterstützen. Fakt ist aber auch: Ein Jahr nach Start des BAP gibt es erst für eine von uns vorgeschlagene Person eine vorläufige Aufnahmezusage, die es erstmal von Afghanistan nach Pakistan schaffen und dann das Sicherheitsinterview bestehen muss. Und alle gefährdeten Medienschaffenden, die schon vorher nach Pakistan geflohen sind, fallen gar nicht unter das BAP. Gleichzeitig schiebt Pakistan gerade in großem Umfang Menschen nach Afghanistan ab. Was das für Medienschaffende bedeuten kann, können wir noch gar nicht so genau absehen.

Was war Euer größter Erfolg der vergangenen Monate?

Seit Russlands Angriff auf die Ukraine haben wir fast 140 humanitäre Aufnahmezusagen für russische Medienschaffende und deren Angehörige für Deutschland erhalten (Stand Mitte November). In Russland kann mittlerweile schon das Teilen eines Social-Media-Posts ins Gefängnis führen. Daher ist es wichtig, dass kritische und unabhängige Journalist:innen aus dem Exil weiterarbeiten können.

Welche Rolle spielt Datenschutz für Eure Arbeit?

In einer digitalisierten Welt geht es auch um das Sichern eigener Kommunikationswege und den geschützten Umgang mit Quellen. Wir bieten Medienschaffenden aus aller Welt Stipendien, mit denen sie in Sicherheit Atem schöpfen, eine schwierige Recherche fortsetzen oder sich in digitaler Selbstverteidigung weiterbilden können. Außerdem checkt unser Digital Security Lab in Berlin die Geräte von Journalist:innen auf Spuren von Überwachungssoftware.

Was braucht der Journalismus ganz dringend?

Journalismus braucht die Anerkennung aus Gesellschaft und Politik, dass er einen echten Mehrwert für unsere Demokratie und damit auch ganz konkret für das Leben eines jeden Menschen hat. An der stetig steigenden Zahl von Übergriffen auf Medienschaffende – auch in Deutschland – sehen wir, dass dies immer häufiger aus dem Blick gerät.

Wer hat mehr Aufmerksamkeit verdient?

Alle Journalist:innen, die aus akuter Bedrohung ihres Lebens hierher gekommen sind. Sie haben unter großem Mut gefährliche Recherchen gewagt und besitzen eine unschätzbare Expertise, die auch für deutsche Medien von großem Wert sein kann.

Was sollte man jetzt anhören oder ansehen?

Unbedingte Empfehlung: Der Dokumentarfilm „Etilaat Roz“ über die kritische afghanische Tageszeitung, ihre wichtige Arbeit und zunehmend hoffnungslose Situation nach der Machtübernahme der Taliban 2021. Und unseren Podcast „Pressefreiheit Grenzenlos“ kann ich nur empfehlen. Medienschaffende aus aller Welt berichten da über ihre Arbeitsbedingungen, ihre Recherchen, den lebensbedrohlichen Alltag. So direkt erfährt man selten, unter welchem Druck Journalist:innen in anderen Ländern stehen, und warum sie trotzdem weitermachen.
 

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