Fragen an die Residents: Journalismus macht Schule
In jeder Ausgabe unseres Newsletters stellen wir eine Person oder Organisation vor, die im Publix-Haus arbeitet. Diesmal: Julian Ungerer, Projektreferent bei Journalismus macht Schule.
Worin besteht der Kern Eurer Arbeit?
Uns geht es um die Nachrichten- und Informationskompetenz von Jugendlichen. „Journalismus macht Schule“ ist ein bundesweites Netzwerk, das bestehende Initiativen und Akteur:innen miteinander verbindet und gemeinsame Projekte fördert. Ein zentrales Angebot ist die Vermittlung von Journalist:innen in Schulen für Unterrichtsgespräche. Die erklären den Schüler:innen zum Beispiel wie Nachrichten entstehen, wie man Desinformation und Manipulation erkennen kann oder weshalb eine freie Presse wichtig ist. Zusätzlich bieten wir Fortbildungen für Journalist:innen und Lehrkräfte an.
Wofür engagiert Ihr Euch?
Wir wollen etwas gegen die Nachrichtenmüdigkeit der jungen Zielgruppe tun. Wir sind überzeugt: Nachrichtenkompetenz ist Demokratiekompetenz. Gleichzeitig setzen wir uns politisch dafür ein, dass sie fest im Schulunterricht verankert wird. Die Schüler:innen sollen mitnehmen, wie sie sich möglichst umfassend, ausgewogen und faktenbasiert über das Zeitgeschehen informieren können. Es gibt inzwischen viele sehr gute Aktivitäten und Organisationen, die Informations- und Nachrichtenkompetenz im Bildungswesen stärken. Was fehlt, ist eine Strategie und Koordinierung aller Akteure und Aktivitäten auf Landes- und Bundesebene und die Einbindung der Aktivitäten in Lehrpläne und staatliche Strukturen. Da setzen wir an.
Worauf liegt im Moment Euer Fokus?
Am 3. Mai ist der Internationale Tag der Pressefreiheit. Unter dem Motto #PressefreiheitMachtSchule organisieren wir bundesweit verschiedene Aktionen und Veranstaltungen. So intensivieren wir beispielsweise unsere Unterrichtsbesuche, auch mit prominenten Journalist:innen wie Giovanni di Lorenzo, Ingo Zamperoni, Eva Schulz, Sandra Maischberger, Georg Mascolo und Dunja Hayali. Darüber hinaus koordinieren wir mehrere Aktionen und Angebote für Schüler:innen mit Mitgliedern und regionalen Partnern, unter anderem aus Rheinland-Pfalz, Mitteldeutschland oder Niedersachsen. In Berlin sind wir beim Publix Newscamp Neukölln mit einem Stand dabei und laden außerdem am Abend des 6. Mai alle Interessierten zu einer Podiumsdiskussion ins Publix ein.
Was bereitet Euch Kopfschmerzen?
Eine große Herausforderung für uns ist die unsichere Finanzierung, ein Problem, das natürlich die meisten NGOs betrifft. Wir arbeiten daran, langfristig finanziell unabhängiger zu werden, zum Beispiel durch den Aufbau von Fördermitgliedschaften, um stärker auf eigenen Beinen zu stehen. Gleichzeitig ist das Schreiben von Förderanträgen sehr zeitintensiv und bindet viele Ressourcen, die uns dann an anderer Stelle für die inhaltliche Arbeit fehlen. Das ist leider ein PingPong-Spiel: Alle finden, das Thema ungeheuer wichtig, die Bildungspolitik hinkt dauerhaft hinterher, wir spielen sozusagen Feuerwehr und löschen Brände, aber um die Lücken zu schließen, die es wirklich gibt, braucht es Finanzierung. Und die gibt es nicht – oder nur sehr sehr langsam. Und neben der Bildungsarbeit, die wir leisten, braucht es generell eine verpflichtende Verankerung des Themas in der Ausbildung und Fortbildung von Lehrkräften. Bei Social Media, der Unterscheidung von Fakten und Meinungen bis hin zu KI, muss es aber auch Regulierungen geben. Da wird Schule auf Dauer nicht alles ausgleichen können, dazu entwickelt sich das Feld viel zu schnell und dynamisch.
Was war Euer größter Erfolg der vergangenen Monate?
Wir haben unsere neue Matching-Plattform aufgebaut. Sie ersetzt den früher sehr aufwendigen Prozess über Buchungsportal und Excel-Listen durch eine deutlich effizientere Lösung: Journalist:innen registrieren sich direkt in einem eigenen Portal, Lehrkräfte stellen Anfragen, und passende Kontakte werden automatisch vermittelt. Der Erfolg zeigt sich auch in den Zahlen: Wir haben deutlich mehr registrierte Journalist:innen, die sich bei uns engagieren, als in den letzten Jahren und auch die vermittelten Schulbesuche sind im ersten Quartal stark angestiegen.
Ein tolles publizistisches Projekt?
Ich finde das Format von „FunFacts“ total cool. Da wird das Klischee, dass Journalismus oft streng oder ein bisschen abgehoben ist, richtig aufgebrochen. Sie arbeiten viel mit Satire und Humor und kommen dadurch näher an Menschen ran, auch an diejenigen, die vielleicht keinen akademischen Hintergrund haben.
Was ist die beste Lektüre zur aktuellen Lage?
Ich lese gerne historische Texte, weil sich darin oft Muster zeigen, die auch heute noch relevant sind. Die „Deutschen Hörer“ von Thomas Mann haben mich besonders beeindruckt: Er hat während der NS-Zeit aus dem Exil in den USA Radiosendungen nach Deutschland geschickt. Die wurden vor einiger Zeit transkribiert, und darin erkennt man Ähnlichkeiten zwischen damaligen politischen Versprechen und heutigen Entwicklungen.
Was sollte man jetzt ansehen?
Weil aktuell viele Menschen verunsichert sind, empfehle ich einfach mal unser Impulspapier „Kampf gegen Desinformation: Wie Schulsysteme weltweit Nachrichtenkompetenz vermitteln“.