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Haus für Journalismus und Öffentlichkeit

Schulen verdienen mehr als schnelle Schlagzeilen

Skandalgeschichten über das Bildungssystem zu schreiben, ist leicht. Und es klickt gut. Was es für eine differenzierte Berichterstattung über Schulthemen braucht – und was sie so schwierig macht.

Ein Gastbeitrag von Annette Kuhn

Google-Suche mit dem Stichwort „Schulalltag“ in der Rubrik News: Zu den ersten Schlagzeilen – und das nicht nur in Boulevard-Medien – gehören: „Berlins Lehrer am Limit“, „Schüler drohte: ,Ich schieße euch alle ab‘“, „Ich frage mich, was tut man diesen Kindern damit an?“, „Druck, Streit, Konflikte“, „Lehrer schildern dramatische Zustände“. Kein Tag vergeht ohne Horrornachrichten aus der Schule.

Ist es wirklich so schlimm an den fast 33.000 allgemeinbildenden Schulen in Deutschland? Oder wird es so schlimm dargestellt? Beides stimmt wohl. Nicht alle Schulen sind „schlimm“. Es gibt viele, die trotz eines herausfordernden Umfelds ihre Schüler:innen zum Lernerfolg führen. Schulen, in die Lehrkräfte und Kinder jeden Tag gern gehen. Aber ja, es gibt Probleme im Bildungssystem. Erhebliche Probleme.

Den anhaltenden Lehrkräftemangel zum Beispiel, verschärft durch einen zeitweiligen Geburtenanstieg, durch Zuwanderung und die große Pensionierungswelle von Lehrer:innen. Die Leistungen der Schüler:innen, die seit etwa zehn Jahren kontinuierlich abnehmen. Die wachsende Bildungsungleichheit – in kaum einem Land hängt Bildungserfolg so sehr vom sozioökonomischen Hintergrund der Eltern ab wie in Deutschland. Die schlechte psychische Gesundheit von Kindern, die das Lernen und Lehren zur täglichen Herausforderung macht.

Viel zu lange schon werden diese Probleme offenbar gleichmütig hingenommen. Darüber müssen Medien berichten. Aber die Frage ist: Wie? Reißerische Schlagzeilen helfen hier bestimmt nicht weiter.

Meist läuft es so ab: Eine überforderte Einzelschule wird herausgegriffen und zur Skandalschule erklärt. Wie in Berlin 2024 die Friedrich-Bergius-Schule. Lehrkräfte hatten an die Schulaufsicht einen Brandbrief geschrieben, einen Hilferuf: Regulärer Unterricht sei kaum noch möglich; das Schulklima sei geprägt von Mobbing, Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber den Lehrkräften.

Es ist nicht die erste Berliner Schule, die auf solche Missstände aufmerksam macht und Unterstützung fordert. 2006 haben Lehrkräfte an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln einen Brandbrief mit ähnlichem Tenor verfasst. Zeitweise fand der Unterrichtsbetrieb nur unter Polizeischutz statt.

Die Fokussierung auf eine Einzelschule lenkt aber ab von den strukturellen Problemen. Es gibt nicht nur in Berlin die Rütli- oder die Bergius-Schule. Es gibt sie überall in Deutschland. Und möglicherweise schafft die Einzelschule den Turnaround. Die systemischen Probleme bleiben allerdings ungelöst.

Außerdem ist im Bildungsjournalismus besonderes Verantwortungsbewusstsein gefragt. Denn die Berichterstattung macht etwas mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen. Wer will schon auf eine Schule gehen, die marode ist oder öffentlich verspottet wird? Das beeinflusst auch Eltern, die ihre Kinder in naher Zukunft wahrscheinlich nicht auf diese Schule schicken werden. Das Vertrauen, dass die Kinder dort gut aufgehoben sind, lässt sich so kaum aufbauen. Und es macht etwas mit den Lehrkräften, weil sie den Eindruck haben müssen, ihr Unterricht sei wirkungslos.

Die beiden Berliner Schulen haben die Wende geschafft. „Vom Schlachtfeld zum Bildungsidyll“, hieß es über die Neuerfindung der Rütli-Schule vier Jahre nach dem Brandbrief. Von einem Stempel, von einem Superlativ zum anderen. In die Schule wurde viel investiert – Geld, Personal, Präventionsmaßnahmen.

Wie die Herausforderungen gelöst werden, wird allerdings selten erzählt. In die Medien schaffen es höchstens die „Schulretter“, die Schulleitungen oder Lehrkräfte, denen die Kehrtwende gelingt. Zum Beispiel Engin Çatik, der nach dem Brandbrief an der Friedrich-Bergius-Schule Anfang 2025 die Leitung übernommen hat. Er konzentriert sich vor allem auf Beziehungsarbeit. Schließt jeden Morgen um 7.45 Uhr das Schulgebäude auf und begrüßt die Schüler:innen persönlich. Und er hat das Fach Empathie eingeführt. Hier sollen Jugendliche lernen, wie sie sich frei entfalten und zugleich den Entfaltungsraum anderer respektieren können. Vom Ich zum Wir – das ist das Prinzip dahinter.

Es reicht nicht, mit Entsetzen auf eine einzelne Schule zu schauen. Auch wenn dieser Aufschrei vielleicht manchmal notwendig ist, um notwendige Debatten anzustoßen. Es muss tiefer gebohrt. Journalist:innen müssen die systemische Ebene in den Blick nehmen, um nachhaltige Verbesserungen an Schulen in ganz Deutschland bewirken zu können.

Aber um all das zu erkennen, was Schule heute so herausfordernd macht, braucht es das entsprechende Wissen: über Bildung und Lehrpläne, über Schulentwicklung, über die veränderte Schüler:innenschaft, das Bildungssystem in Deutschland, über die Faktoren, die den Bildungserfolg ausmachen. Wir haben es im Föderalismus mit 16 verschiedenen, in sich höchst komplizierten Bildungssystemen zu tun. Die zu durchschauen, ist nicht trivial.

Zur differenzierten Berichterstattung gehört auch im Bildungsjournalismus, dem Reiz schneller Urteile zu widerstehen. Ein aktuelles Beispiel: die mentale Gesundheit von Jugendlichen. Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen fühlt sich einsam, 14 Prozent haben depressive Symptome, die Zahl der Mädchen unter 18 mit diagnostizierten Essstörungen hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Da hilft es nicht, die Kinder als verweichlicht darzustellen. Oder alles abzuschaffen, was Druck erzeugen könnte. Und es muss mutig gefragt werden, ob dieses Thema vielleicht auch auf ungesunde Weise überbetont wird – selbstverständlich ohne es verharmlosen zu wollen.

Die Bildungsdebatte braucht weniger Empörung und mehr Einordnung. Weniger Drama, mehr Analyse. Schulen sind ein grundlegender Teil unserer Demokratie: Sie verdienen mehr als schnelle Schlagzeilen. Wer über sie berichtet, trägt Verantwortung dafür, dass die Wirklichkeit nicht in kurze Aufmerksamkeitsspiralen gepresst wird.

Annette Kuhn ist erfahrene Bildungsjournalistin und hat am 20. November bei Publix den Abend „Wenn Schule zur Story wird“ moderiert.

Fotocredit: Bildungsdossier

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