Fragen an die Residents: More in Common
In jeder Ausgabe sprechen wir mit Publix-Residents über ihre Arbeit und aktuelle medienpolitische Themen. Diesmal: Wiebke Ewering von More in Common.
Was macht More in Common?
Wir erforschen, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Dabei schauen wir durch eine besondere Linse: Wir fragen nach Überzeugungen und Werten der Menschen, statt nach demografischen Merkmalen oder Parteipräferenzen. So können wir tieferliegende Erfahrungen sichtbar machen und Gemeinsamkeiten in polarisierenden Debatten identifizieren. Wir schauen dabei besonders auf Menschen, deren Stimme im öffentlichen Gespräch kaum vorkommt. Ein anderer wichtiger Teil unserer Arbeit ist es, mit Partnern aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik und Medien wirkungsvolle Ansätze direkt auszuprobieren.
Was bereitet Euch nach den diesjährigen Landtagswahlen besonders Sorgen?
Viele erleben unser Land gerade als festgefahren und wenig erneuerungsfähig. Das untergräbt auch das Vertrauen in die repräsentative Demokratie. Immer mehr Menschen fühlen sich nicht mehr gehört, egal, wo sie politisch stehen. Trotzdem bleibt der Wunsch nach Zusammenhalt und Veränderung: Hinter Kritik und Rückzug steht oft Hoffnung, nicht Resignation. Es geht meist um die Frage, wie Entwicklungen gerecht, zukunftsorientiert und glaubwürdig gestaltet werden. Darin liegt für mich eine Chance für alle, die politisch und gesellschaftlich Verantwortung tragen.
Wie reagiert Ihr darauf in Euren Projekten?
Wir erkunden gerade die Rolle von Unternehmen für den sozialen Zusammenhalt. Wie können Unternehmen in Deutschland das Zu- und Vertrauen der Menschen stärken? Dazu bieten wir im Herbst ein Webinar und einen Workshop für Unternehmen an. Im November erscheint dann unsere neue Grundlagenstudie zur deutschen Gesellschaft. Dafür hat unser Forschungsteam mehr als 6.000 Menschen befragt und stundenlang in 15 Fokusgruppen zugehört, wie sie Deutschland, ihre Mitmenschen und ihre eigene Rolle erleben.
Was passiert mit den Ergebnissen?
Sie fließen direkt in die Arbeit unserer Partner ein, etwa in Begegnungsangebote oder Bürgerdialoge, in die Arbeit von Initiativen im Bereich Klima, Migration oder Demokratie sowie in die Programmarbeit von Stiftungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Wie schon im Rahmen unserer Vorgängerstudie von 2019 wird es zu unserem Befund der neuen “gesellschaftlichen Typen” Webinare, Trainingsangebote und Arbeitsmaterialien geben.
Eure Studien zeigen immer wieder, dass Menschen mehr verbindet, als sie trennt. Warum fühlt sich das für viele nicht so an – und was müsste sich konkret verändern, damit sie wieder mehr Vertrauen und Verbundenheit erleben?
Genau das ist die Wahrnehmungslücke: 62 Prozent der Menschen in Deutschland machen sich regelmäßig Gedanken über den Zusammenhalt im Land, aber nur 30 Prozent glauben, dass auch andere das tun. Diese Lücke zwischen Selbst- und Fremdbild verstärkt sich selbst. Wer nichts von den anderen erwartet, verhält sich am Ende womöglich auch selbst egoistischer. Dagegen hilft zum Beispiel mehr alltägliche Begegnung, gerade mit Menschen, die einem auf den ersten Blick nicht so ähnlich sind. Wenn wir zeigen, was uns an Werten, Anliegen oder Zukunftsvorstellungen verbindet, öffnet das Türen. Am einfachsten gelingt das, wenn Menschen etwas gemeinsam erleben: bei Freizeitaktivitäten oder in der Nachbarschaft. Wir brauchen aber auch neue Erzählungen und Zukunftsangebote für unsere Gesellschaft im Großen. Wir können und sollten uns gegenseitig mehr zutrauen, auch schwierige Themen wie etwa die Einwanderungsdebatte oder Identitätsfragen miteinander neu zu verhandeln.
Was bereitet Dir bei Eurer Arbeit gerade Kopfschmerzen?
Dass wir eine Gesellschaft vermessen, die sich selbst kaum noch zutraut, etwas gemeinsam zu verändern. Weniger als die Hälfte glaubt, dass Bürgerinnen und Bürger durch ihr Handeln die Gesellschaft verändern können. Besonders betrifft das einen Teil der Gesellschaft, den wir „die Unsichtbaren“ nennen. Sie fallen im öffentlichen Diskurs praktisch durchs Raster, weil ihre Perspektiven zu wenig Lobby haben und die üblichen Formate von Politik und Zivilgesellschaft sie kaum erreichen. Genau diese Leerstelle wird dann von den politischen Extremen gefüllt. Auch wir als Vereine, Initiativen oder NGOs müssen unsere blinden Flecken ernster nehmen.
Was sollte man jetzt unbedingt lesen oder hören?
Ich empfehle den Roman „Trost“ von Angelika Klüssendorf, gibt es auch als Hörbuch in der ARD Audiothek. Er spielt in Berlin und Brandenburg vor dem Hintergrund von Pandemie und Ukraine-Krieg. Meist mache ich um solche lebensnahen Stoffe einen Bogen, weil sie meiner täglichen Arbeit zu nah kommen. Aber hier haben mich die wechselnden Perspektiven, die leisen Emotionen und der dabei lakonische Ton sehr berührt.